Die Selektionsmaschine

Auf dem Einwohnermeldeamt muss man jetzt Nummern ziehen. Dafür hängt ein Touchscreen im Eingangsbereich, auf dem man gebeten wird, über eine zweistufige Auswahl seine Sprache (Deutsch oder Englisch) und sein Anliegen zu formulieren. Dann kommt der Nummernzettel an der Seite raus.

Was jetzt nicht gerade besonders komplex scheint, stellt sich dem Dokumentaristen, der wartend das Geschehen verfolgt, als echtes Selektionsinstrument dar. Bürger über 50 scheitern, Bildungsferne scheitern schon mit 30+. Beide Abgehängten vereinen sich in ihrer Hilflosigkeit vor dem nächstgelegenen Counter zum gemeinschaftlichen Krakeel. Die Nummer eines Rentners wird aufgerufen, der tapst aber zum falschen Bearbeiter, der gleichzeitig frei geworden und eigentlich für mich vorgesehen war. Einwanderer aus Südosteuropa gehen gar nicht erst ran an das Gerät. Sie belagern mit Kind und Kegel den Infotresen.

Man kann sicher sein, dass nach Einführung des Geräts so manche empfindsame Zeitgenossen/-innen eine Abschaffung dieser diskriminierenden Selektionsmaschine gefordert haben. Ich fordere das Gegenteil und schlage vor, damit ein Monitoring durchzuführen, um den geistigen Zustand unserer Gesellschaft zu messen.

An dem Tag, an dem die Abbruchquote endlich über 50% liegt, treten automatisch Notstandsgesetze in Kraft die Wahlen verbieten und Deutschland wird bis auf Weiteres treuhänderisch „verwaltet“. Vorzugsweise natürlich von mir. Gegen autoritäre Staatsführung haben ja die Deutschen scheinbar ohnehin nichts einzuwenden, sonst täten sie ja nicht so emsig Geschäfte machen mit eben solchen. China, Iran, Russland, nur um die prominentesten zu nennen. Wichtig ist dabei immer, dass sich der Bürger dabei nicht schlecht fühlt, das heißt sein gutes Biosiegel-delphinfreundlich-FSCzertifiziert-Gewissen behält. Dazu bieten größenwahnsinnige Flitzepiepen wie Hans Olaf Henkel praktischerweise mit dem vermeintlich zwangsläufigen Dreisatz von Marktwirtschaft, Demokratie und Menschenrechten, also der Ideologie, das eine folge automatisch dem anderen, das moralisches Feigenblatt an. Hat ja auch gut funktioniert bislang. Also das Feigenblatt, nicht die Demokratie und Menschenrechte versteht sich.

 

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