Sympathy for the Devil

Nach dem Urteil des Bundesarbeitsgerichtes bezüglich der klagenden muslimischen Krankenschwester, die in ein in evangelischer Trägerschaft befindliches Krankenhaus nach Ihrer Babypause plötzlich frisch zum Islam konvertiert und mit Kopftuch zurückkehrte, der Arbeitgeber daraufhin auf die Zusammenarbeit keinen sonderlichen Wert mehr legte und die Muslima nach der Kündigung auf ihr vermeintliches Recht pochend klagte, ja bis nach Erfurt ging, letztlich dann aber “die Kirche” Recht bekam, da stellte sich bei mir unerwartet klammheimliche Sympathie für das siegreiche Krankenhaus ein.

Damit wir uns richtig verstehen: die verfassungsmäßige Extrawurst, welche Religionen bei der Regelung “eigener Angelegenheiten”, was das Arbeitsrecht in den eigenen Einrichtungen wie Krankenhäusern einschließt, ist in vielen Fällen ein abzuschaffender Anachronismus. Ein Krankenhaus ist ein Ort, wo überwiegend sehr weltliche Arbeit mit sehr weltlichen Mitteln geleistet wird. Hier muss der Arbeitnehmer auch mit weltlichen Gesetzen geschützt werden. Und es sollte egal sein, welcher oder ob überhaupt der Mensch einer Konfession angehört, vor allem dort, wo die gesetzliche Krankenkasse die Zeche zahlt.

Doch darum geht es hier nicht. In der Sache der Klägerin geht es nicht etwa um mehr Weltlichkeit in unserer Gesellschaft sonbdern um weniger. Und nicht um Toleranz, wie sie, je nach Eskalationsstufe von Dialog bis Ökumene reicht, sondern um Dominanz. Wie das? Um das zu verstehen, muss man sich in die Lage der streitenden Parteien versetzen, nicht aus der Perspektive des weltlichen Rechtsstaates.

Man kann davon ausgehen, dass sich gläubige Menschen im Besitz der spirituellen Wahrheit wähnen. Ansonsten hätten sie eine andere Religion oder gar keine. Toleranz zwischen den Konfessionen ist hierbei ein Pragmatismus, der die Schnittmengen hervorhebt und  Unterschiede lediglich duldet. Wenn eine Glaubensgemeinschaft eine Agenda hat, so ist diese vorzugsweise von Mitgliedern eben dieser Glaubensgemeinschaft umzusetzen. Für die evangelische Kirche ist offenbar das Betrieben von Krankenhäusern Bestandteil der eigenen Agenda, Ausdruck ihrer Auffassung von christlicher Nächstenliebe. Auch haben Muslime eine Nächstenliebe. Zwar kenne ich für eine Analogie kein ausdrücklich muslimisches Krankenhaus in Deutschland, aber es gibt den Roten Halbmond, eine sich vom Roten Kreuz religiös abgrenzende Hilfsorganisation. Ob die jeweiligen Nächstenlieben dieselben sind oder sich unterscheiden in ihrer Ausprägung und Stärke kann ich nicht beurteilen. Wichtig ist, dass den Kranken und Schwachen geholfen wird. Ich würde sagen, wenn die Nächstenlieben eine so ähnliche Ausprägung haben, liebe Konfessionen, tut euch zusammen und agiert in der Aufgabe vereint, dann könnt ihr vielleicht mehr erreichen. Aber das wollen Religionen nicht. Denn bei allem Dialog und aller Ökumene geht mit der Nächstenliebe scheinbar auch das Bedürfnis nach Identifikation und Abgrenzung einher. Die Religion als Vereiner nach innen und Unterscheider nach außen.

Wenn nun ein religiöser Mensch, der von diesen Bedürfnissen nach Identifikation und Abgrenzung Kenntnis haben muss weil er selbst daran teilnimmt, von der anderen Konfession verlangt, sich in diesen Bedürfnissen einzuschränken, um ausgerechnet die andere Konfession zum Erfüllungsgehilfen der eigenen Sache zu machen, also hier das Christentum den Islam für die eigene Sache beauftragen soll, klingt das paradox und ist es auch. Es ist zudem ein Schritt zuviel in den Komfortbereich des anderen.

Bis hierher war die Betrachtung religiös-systemintern, also nur für sozusagen Fachpublikum von Interesse. Aber durch den Gang vor die Gerichte sollten nun weltliche Richter und somit die säkulare Gesellschaft über den Fall urteilen. Und das ist aus drei Gründen falsch:

  1. Die über die Jahrzehnte erweiterten bürgerlichen Freiheiten durch das zurückdrängen religiöser moralischer Einflussnahme sind eine zivilisatorische Errungenschaft. Und die Gerichte, die diesen Geist der Aufklärung, nämlich die bürgerlichen Freiheiten, schützen sollen, sollen nun in einem Bereich entscheiden, in den wir uns eigentlich nicht mehr einmischen wollten, eben in “eigene Angelegenheiten” der Religionsgemeinschaften und somit die Frage nach dem wahren Glauben beantworten, wie der Vater in der Ringparabel. Wenn unsere Gesellschaft ein kulturelles Gedächtnis hat, wird sie sich hüten, diese Frage zu beantworten.
  2. Es wird uns die Frage gestellt, welche Heilige Kuh uns die liebere ist: der Säkularisus oder das Grundrauschen unseres religiösen Erbes. Beide Pole bestehen in unserer westlichen Gesellschaft häufig nicht eindeutig voneinander getrennt. In der Praxis herrscht doch eher Pragmatismus: Weihnachten kann man feiern oder nicht – Urlaub haben zumindest alle. Würden wir uns hier trennungsscharf für die Weltlichkeit entscheiden, also der Illegitimität der Kündigung, bevorteilen wir in der Folge im Namen der Weltlichkeit die (andere) Religion. Paradox! Entscheiden wir uns für die evangelische Kirche, beschneiden wir den komfortablen Individualismus, wo jeder Arbeitnehmer eigentlich maximal freizügig sein will. Eine Lose-lose-Situation. Unsere westliche Gesellschaft würde an ihrem inneren Widerspruch wie an einem Nasenring durch die Manege geführt.
  3. Unser weltliches und liberales System soll ausgerechnet dem Islam das Wort führen. Ja sicher, die Mehrheit der Muslime ist friedlich, achtet womöglich die Frauen und hat prinzipiell nichts gegen Juden usw. Aber bei dem, was derzeit über die Bildschirme geht und was man in den Zeitungen liest, wird es einem, vorsichtig ausgedrückt, nicht leicht gemacht, Sympathie für diesen Glauben aufzubringen. Der Vorteil in unserer Gesellschaft ist doch, dass wenn man von den großen Konfessionen nichts will, man in Ruhe gelassen wird. In Staaten mit islamischer Mehrheitsgesellschaft sieht die Sache anders aus. Entweder unliberal bis hin zum “Gottesstaat” und/oder es herrscht ein autoritäres Regime. Sei mal schwul im Iran, breche mal die Ehe in Saudi-Arabien, Baue mal eine Kirche in der Türkei, sei mal bekennender Jude in Neukölln (okay, Friedenau). Ob der Islam bei aller gebotenen Differenzierung nun Ursache oder nur Begleiter einer ohnehin vorhandenen kulturellen, gesellschaftlichen und’/oder historischen Disposition ist (oder nichts von alledem) mögen andere beurteilen. Doch wenn Gruppen für sich Liberalität, Toleranz und gesellschaftlichen Raum einfordern, all dieses aber anderen Gruppen nicht gewähren sobald diese an der Macht sind, ist das zynisch.

Wäre die Klägerin allein als Mensch gekommen, hätte möglicherweise niemand etwas gesagt, aber mit Kopftuch ist die Sache nun mal anders. Und da kann der Tagesspiegel auch besinnungslos behaupten, dass das Kopftuch nichts bedeute. Möglicherweise hat man sich mit ihm in Berlin so gut eingerichtet, dass einem nichts mehr auffällt, selbst wenn mal etwas dahinter stehen könnte.

Würde das Krankenhaus dennoch bekennende Muslime beschäftigen, wäre das ein schönes Zeichen. Nur ist das scheinbar nicht gewollt gewesen. Umso mehr stellt sich mir die Frage, was in einem Menschen vorgeht, der sich nicht einen neuen und weltlicheren Arbeitgeber sucht sondern vor den Kadi zieht. Die immer noch schmeichelhafteste Erklärung wäre ein spätkapitalistischer Exzess des Individualismus: ich verklage McDonalds, wenn ich mich an deren Kaffee verbrenne, ich ziehe in den Szenekiez und klage den Club im Erdgeschoss raus, ich arbeite für die evangelische Kirche, konvertiere zum Islam und Klage gegen meine Entlassung. Ohne Gespür für Verhältnismäßigkeit das System für die eigenen Zwecke missbrauchen.

Vorschlag zur Güte: Saudi-Arabien anpumpen, muslimisches Krankenhaus in Deutschland aufmachen, nur Muslime einstellen. Was immer von jedem Bürger gefordert werden kann ist Gleichbehandlung. Bevorzugung hingegen, auch wenn im Namen von Toleranz, ist bei Inhaber/Innen der “Deutschland-Card” bislang und hoffentlich bis auf Weiteres nicht inklusive.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s