Deutschlands Flüchtlingskrise ist eine intellektuelle Krise

Für Großbritanniens konservativen Ministerpräsidenten Cameron ist die aktuelle Flüchtlings- und Migrationsbewegung keine humanitäre Krise sondern in erster Linie eine Sicherheitskrise, die es mit sicherheitspolitischen Maßnahmen wie verstärkten Grenzkontrollen zu begegnen gilt. Bei Calais verletzen Flüchtlinge die Grenzen Großbritanniens und befinden sich nach Durchquerung des Eurotunnels illegal im Land. Darin liegt für Cameron der Beginn und das Ende der Problematik. Der Vorwurf ergeht an den Kontinent, der es mit einem mißverstandenen Schengen zulässt, dass nicht-EU-Bürger nach scheinbar ungehinderter Reise durch ganz Europa ante portas stehen und sich dann dort nicht etwa “geeigneten Einwanderungsprozeduren” unterwerfen sondern versteckt auf der Ladefläche eines LKW “einreisen”. Von einem de facto außer Kraft gesetzten Dublin ganz zu schweigen.

Es ist das Luxusproblem eines Landes, dass zwischen sich und dem Elend der Welt nicht nur das Mittelmeer im Süden und eine grüne Grenze im Südosten hat, sondern lediglich ein einziges winziges Nadelöhr – den Tunnel unter dem Ärmelkanal. Die äußerst einseitige Bewertung Camerons klingt fast zynisch, da GB den IS zwar nicht erfunden, jedoch mit der Zerschlagung des autoritären aber stabilen Systems im Irak seinen Anteil an der Destabilisierung des Nahen Ostens hat.

Interessant jedoch, dass diese Äußerung des Ministerpräsidenten nicht etwa einen gesellschaftlichen Aufschrei der Empörung in Großbritannien zur Folge hat, sondern es als legitimer konservativer Beitrag zu einer legitimen öffentlichen Debatte verstanden wird. Wohl gemerkt stammt die Aussage nicht etwa von einem Nigel Farage von der UKIP oder schlimmer noch der NF, sondern vom Kopf der regierenden konservativen Volkspartei. Zum Vergleich hört sich das bei Angela Merkel so an: Zuwanderung ist “ein Gewinn für uns alle.” So gewohnt unkonkret von Frau Merkel, ja gerade so provozierend schwammig diese Aussage ist, so unsinnig bleibt sie selbst beim wohlwollensten Versuch ihrer Interpretation. Was ist mit den Konservativen in Deutschland los?

Doch auch die britische Öffentlichkeit nimmt wahrlich kein Blatt vor den Mund: während einer Anruf-Sendung auf dem britischen Radiosender LBC zum Vorschlag, den geschätzt 700.000 in GB befindlichen illegalen Einwanderern eine Amnestie zu gewähren und sie zu britischen Staatsbürgern zu machen, musste sich der Moderator John Stapleton geschlagene 58 Minuten Tiraden anhören, welche alle (vorsichtig ausgedrückt) mit “Es ist genug!” auf den Punkt zu bringen waren, um schließlich einen Anrufer durchstellen zu können, welcher für eine Amnestie zu erwärmen war – wenn auch dieser lediglich das Argument vorbrachte, dass die Einwanderer dann zumindest Steuern zahlen könnten.

Auch wenn man eine von diesen Beispielen abweichende Meinung zum Thema Immigration hat, so kann man sehen, dass es möglich ist Meinungen auszutauschen, ohne dass man als Immigrant auf der Straße seines Lebens nicht sicher wäre. Anders die Einschätzung in Deutschland, wo Fragen zu Immigration schon immer “nicht in den Wahlkampf gehören” und die deutsche Öffentlichkeit bei gewissen Fragen, die auch nur in die Nähe von kultureller Selbstbehauptung und kollektiver Identität kommen, die Leitung verstopft ist und es links und rechts herausspritzt. Also der öffentliche Diskurs derzeit nur binär funktioniert: entweder man ist Nazi oder Gutmensch. So geht es nicht vorwärts. Und das ist ein ernsthaftes Problem.

Und es ist beschämend, da die Deutschen für die Teilnahme an der Westlichen Zivilisation nichts getan haben, im Gegenteil, denn die Freiheit wie wir sie heute leben musste unseren Großeltern von “den Amerikanern” erst in die Nazischädel gebombt werden. Ist es die Scham über Auschwitz oder lediglich die Scham, von einer stärkeren Zivilisation beim Völkermord erwischt worden zu sein, was den Ekel vor unserer neuen Lebensweise hervorruft? Zumindest führt es dazu, dass die Deutschen scheinbar selbst Binsenweisheiten einfach nicht anerkennen wollen. Nämlich das eben der Mensch nicht ausschließlich als Individuum funktioniert, sondern relevante Unterschiede zwischen Kulturen existieren und dass der “Gewinn für uns alle” bezüglich Einwanderung eine Frage der Dosis ist.

Es bleibt einem scheinbar nichts anderes übrig, als sich weiterhin unbeliebt zu machen.

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