Die guten Menschen von Göttingen

Humanismus kann manchmal anstrengend sein. Besonders dann, wenn der Menschenbruder einem nicht den Gefallen tut, nicht dem Klischee zu entsprechen, welches ihm durch das Ressentiment zugesprochen wird, von dem man die Leute eigentlich abzubringen hat.

So trug es sich in Göttingen zu, dass es zu Protesten von Menschenschützern kam, weil zwei Roma-Familien mit insgesamt 13 Kindern nach 17 Jahren Duldung wieder in den Kosovo abgeschoben werden sollten, da er mittlerweile als sicheres Herkunftsland eingestuft wird. Wobei das nicht ganz richtig weil unvollständig ist, denn sie hätten sehr wohl die Möglichkeit gehabt, bleiben zu dürfen. Aber dazu gleich mehr.

Jedenfalls stand das “Göttinger Tageblatt” den beiden Familien wacker zur Seite und druckte am 28. November 2015 einen herzerweichenden Bericht, der sich im Wesentlichen um eine 15-jährige Tochter drehte, die in einem Theaterprojekt für Menschen, die “aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Geschichte zu Protagonisten werden” teilnehme, von den anderen Teilnehmer*Innen eine Eigenschaft als “Integrationsfigur” bescheinigt bekäme und der folglich, zusammen mit ihrer Familie, durch die Abschiebung ein Unrecht geschehe – es “unverständlich” sei. Das Foto zeigt eine der beiden Familien, gebeugt, traurig, umringt von der bunten Truppe Schauspielern des Boat People Projekt.

boat

Das nächste mal meldet sich das “Göttinger Tageblatt” am 3. Dezember wieder zu dem Thema. Es berichtet von einer Demonstration von 150 Menschen vor dem Rathaus sowie vor dem Verwaltungsgericht, wo zu diesem Zeitpunkt die Eilanträge zum Rechtsschutz der zur Abschiebung vorgesehenen Familien lagen. Also dem Gesuch nach Aussetzung der Abschiebung. Sprechchöre wie “Bleiberecht für alle, jetzt sofort!” und “Say it loud, say it clear, alle Roma bleiben hier!” seien skandiert worden. Ein guter Mensch von keiner geringeren Institution als der “Gesellschaft für bedrohte Völker” sprach mahnende Worte. Mit von der Partie laut Protokoll: AK Asyl, Alle Bleiben, Antirassismus Bündnis, evangelischer Kirchengemeinde Gladebeck, Theater Boat People, GfbV, Grüne Jugend und Roma Center Göttingen.

Und dann sprach am 8. Dezember das Verwaltungsgericht das Urteil. Es schien derart spektakulär zu sein, dass es sofort in allen überregionalen Online-Leitmedien¹ ² ³ Verbreitung fand. Mit einer ausführlichen Begründung, die ein ganz anderes Bild von den betroffenen Familien abgab als jenes, welches von den Unterstützern im Vorfeld versucht worden war, in der öffentlichen Meinung zu verankern.

Folgendes wurde festgestellt (etwas anschaulich pointiert durch den Autor):

  • Die Familien wurden durch die gesamten 17 Jahre von den Steuerzahlern ausgehalten, trotz der Möglichkeit arbeiten zu gehen. Mehr noch: Versuche des Nachweises von Beschäftigungen waren betrügerischer Absicht und dienten dazu, das Sozialsystem weiterhin in Anspruch zu nehmen zu dürfen.
  • Die Eltern haben sich in einem Zustand der kompletten Unbrauchbarkeit für einen positiven Beitrag zu unserem Sozialsystem gehalten, indem sie weder Deutsch gelernt noch irgendeine Qualifikation erworben haben.
  • Damit das auch in der nächsten Generation nicht besser wird, wurden die zahlreichen Kinder nicht zur Schule geschickt, wenn sie denn nicht wollten. Trotz Bußgeld und das will schon etwas heißen.
  • Die Männer sind verurteilte Straftäter und saßen 2 Jahre ein. Wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung (Clanwar).

Also wurde das Gesuch um Aufschiebung der Abschiebung vom Verwaltungsgericht abgelehnt. Es wäre zwar möglich gewesen zu bleiben, die Hürden wären scheinbar nicht allzu hoch gewesen, aber die Familien haben diese Hürden nicht nur gerissen sondern direkt umgerannt. Sie hätten nicht besser belegen können, dass sie vor allem eines sind – nicht integriert. Anstatt die Angebote, die unsere offene Gesellschaft macht in irgendeiner Weise zu nutzen, um aus dem Elend und der Unmündigkeit zu entkommen, sich in der Gesellschaft zu emanzipieren, hat man sich darauf beschränkt, der Gesellschaft, die ihnen Schutz bietet und die die Ressourcen für den Lebensunterhalt aufbringt, die für sie morgens aufsteht und zur Arbeit geht, in vielen Varianten ins Gesicht zu spucken. Wie groß muss ihre Verachtung für uns sein!

Wenn das Kartoffeln wären würde man sie als schlimme, schlimme Asis bezeichnen und mit der Faust in der Tasche finden, dass es in jeder Gesellschaft Randbereiche gibt, mit dem kein Staat zu machen ist, die hin und wieder etwas auf die Finger bekommen, letztlich aber, des sozialen Friedens wegen, mitgeschleift werden. Wenn es sich hingegen um Roma handelt, geht man in Göttingen auf die Straße und fordert Menschenrechte ein. Im Interview sieht ein Grüner die “geplante Abschiebung kritisch”, einer von der Göttinger Linken befürchtet, dass sie dann “als politisch verfolgte Minderheit auf der Straße sitzen”. (Ob “politisch verfolgte Minderheit” als Begründung für diese Prognose notwendig ist, ist zu bezweifeln.) Ein Sprecher des niedersächsischen Flüchtlingsrats sagte, trotz aller angeführten Argumente stelle sich die Frage, ob die Abschiebung nicht gegen die europäische Menschenrechtskonvention verstoße.

Mir hingegen stellt sich die Frage, wieso die Mitbürger für Leute auf die Straße gehen, die uns nicht anpissen würden, selbst wenn wir brennen würden. Und das nicht weil sie uns kennen, sondern eben weil sie uns nicht kennen. Weil sie für Menschen außerhalb ihres Clans scheinbar überhaupt keine moralische Kategorie haben. Wir organisieren uns in großen Einheiten die weit über die eigene Familie hinausgehen, unterwerfen uns einer kalten Autorität namens Rechtsstaat und sind uns im Prinzip alle einig, dass wer den Sozialstaat in Anspruch nehmen will, bereit dazu sein muss, ihn auch zu stützen. Und es ist nur fair, von ALLEN zu verlangen, dieser Empfehlung, begründet mit den ganz und gar uiversellen moralischen Grundsätzen der Gleichheit und Gerechtigkeit, zu folgen. Ja, auch von dem Konzern, auch vom Millionär, aber auch von Roma. Und dieses ist für Zigeuner eine historische Chance. Denn in dieser verrückten Welt wirkt der Kapitalismus als großer Gleichmacher, der sich nur für die Verwendbarkeit der Arbeitskraft interessiert, nicht für die Herkunft ihres Trägers. Doch sie wählen den Weg des geringsten Widerstandes und halten die Hand auf. Und die guten Menschen aus Göttingen gehen ihnen auf den Leim.

Nun haben die Beamten endlich die Reißleine gezogen, setzen die Roma ins Flugzeug und haben demnächst wieder mehr deutlich Geld in der Kasse, um wirklich Bedürftigen zu helfen. Bedürftigen, die dieser Tage zu hunderttausenden nach Deutschland kommen und die es gar nicht erwarten können, hier ein neues, besseres Leben anzufangen. Für die eine Arbeitserlaubnis ein Startschuss darstellt, keine lästige Zumutung. Doch nicht so schnell: “Die Göttinger Roma-Familien können jetzt gegen die Entscheidung des Verwaltungsgerichts noch Beschwerde beim niedersächsischen Oberverwaltungsgericht in Lüneburg einlegen.” Und wir wissen alle, wer bei Mittellosigkeit für die Kosten eines solchen Stunts aufkommen wird. Genau, Sie ahnten es bereits.

Update 10.12.2015: Die Beschwerde beim niedersächsischen OLG ist eingereicht. “Wann sich das OLG nun mit dem Fall befassen wird, stehe zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht fest, sagte OLG-Sprecherin Andrea Blomenkamp am Donnerstag.”

Update 10.02.2016: Nachdem das OLG scheinbar das Urteil aus Göttingen bestätigt hat und die Abschiebung endlich vollzogen werden sollte, sind die Familien abgetaucht.

Update 30.08.2016: …und in Holland wieder aufgetaucht, wo sie einen Asylantrag gestellt haben.

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